Wenn Damenkleider Staub aufwirbeln. Bolesław Prus über die Mode und die guten Sitten im Warschau des Jahres 1875.

Bei meinem jüngsten Besuch in Warschau besichtigte ich in den Königlichen Łazienki die Ausstellung Szyk i konwenanse («Eleganz und Konventionen»), die sich der Kleidung und den gesellschaftlichen Umgangsformen des 19. Jahrhunderts widmet. Zwischen prachtvollen Roben, kunstvollen Drapierungen und ausladenden Röcken musste ich an eine ebenso amüsante wie bissige Betrachtung des polnischen Schriftstellers Bolesław Prus (1847–1912) denken. Prus, heute vor allem als Autor des Romans Lalka (Die Puppe) bekannt, war auch ein brillanter Chronist des Warschauer Alltags. In seinen regelmässig veröffentlichten Kroniki kommentierte er mit scharfem Blick und unverwechselbarer Ironie die grossen und kleinen Erscheinungen des öffentlichen Lebens.

1875 nahm er die langen Schleppen der Damenkleider aufs Korn. Seine Satire ist ein kleines Meisterstück. Sie lässt uns nicht nur über die Mode einer vergangenen Epoche schmunzeln, sondern eröffnet auch einen höchst lebendigen Blick auf das Warschau des 19. Jahrhunderts. Ich gebe die Passage aus seiner Kronika hier vollständig in deutscher Übersetzung wieder, begleitet von meinen Fotografien aus der Ausstellung Szyk i konwenanse.

Bolesław Prus – Kronik aus dem Jahr 1875

«Da wir nun in jene Zeit des Jahres 1875 eintreten, in der die Stadtverwaltung sich um Strohsäcke für Menschen kümmert, die laue Nächte gern unter freiem Himmel verbringen, gebietet uns die Gewissenhaftigkeit des Chronisten, unsere Aufmerksamkeit zunächst dem Sächsischen Garten zuzuwenden. Denn dorthin zieht es die Liebhaber des Schlafes an der frischen Luft am meisten.

Lassen wir die Frage, wie frisch die Luft in Warschau tatsächlich ist, vorläufig beiseite und erinnern wir unsere gebildeten Leser daran, dass die Luft nach Gottes Willen und den Grundsätzen der modernen Chemie hauptsächlich aus Sauerstoff und Stickstoff zu bestehen hat. Daraus folgt, dass der Staub, den die Schleppen der Damenkleider im Sächsischen Garten aufwirbeln, eine ebenso kostspielige wie nutzlose Zugabe darstellt.

Kostspielig nennen wir sie, weil jede Angehörige des weiblichen Geschlechts eigens zu diesem Zweck mehrere Ellen Stoff zusätzlich kaufen muss – Stoff, dem es vollkommen gleichgültig sein dürfte, ob er von Motten gefressen oder auf dem städtischen Pflaster und den Wegen der Gärten abgewetzt wird. Nutzlos nennen wir den Staub, weil die Menschen in Warschau auch ohne ihn ihr Augenlicht verlieren und häufiger an Schwindsucht sterben als in irgendeiner anderen Stadt. Aus diesen Gründen verstehen wir nicht, weshalb unsere reizenden Damen nicht versuchsweise, beispielsweise für das laufende Jahr, ihre Schleppen verkürzen könnten. Mit diesen möchten sie den Garten in einen Ballsaal verwandeln, tatsächlich aber verwandeln sie ihn in etwas, das auf halbem Wege zwischen einer Scheune und einer Reitschule liegt.

Eine lange Schleppe (im polnischen Original «ogon» d.h «Schwanz» genannt) mag zwar für Kenner der Theorien jener Kommentatoren des unglücklichen Darwin ein Symbol des Fortschritts und des Radikalismus sein; heutzutage erscheint sie jedoch als Anachronismus. Schon deshalb, weil sich die Demokratinnen und Kommunistinnen des Deutschen Kaiserreichs nicht durch Schleppen, sondern durch rote Krawatten von den weniger fortschrittlichen Frauen unterscheiden.»

«Ein Vorschlag zu einer zweckmäßigen Verwendung der Schleppen», Wiener Figaro, 1878

In einer weiteren Betrachtung zur Damenmode findet Prus eine nicht minder treffende Formulierung: «Ich habe nicht die Absicht, auf sämtliche Seiten der glücklich herrschenden Mode einzugehen, die mithilfe von Schleppen, Falten, Fransen und ähnlichem Beiwerk die Frauen in wandelnde Ausstellungen der Polsterkunst verwandelt.»

Prus’ Vergleich mit der Polsterkunst war durchaus treffend: Die Mode der 1870er-Jahre formte die weibliche Silhouette mithilfe von Tournüren – Polstern oder Gestellen, welche die Rockfülle nach hinten verlagerten. Darüber türmten sich kunstvolle Drapierungen, Plissees, Volants und Posamenten – dekorative Borten, Fransen und Quasten. Die Grenze zwischen Schneiderkunst und Polsterei schien tatsächlich fliessend.

Damenmode 1880
«Die Turnüre als Schneckenhaus» – Karikatur von Edward Linley Sambourne, Punch, 20. August 1870.

Zwischen historischer Mode und filmischer Fantasie

Die Handlung von Lalka spielt hauptsächlich in den Jahren 1878 und 1879, nur wenige Jahre nach Prus’ satirischer Betrachtung der Damenmode. Für die Kostüme der neuen Verfilmung von seinem Roman orientierten sich die Kostümbildnerin Katarzyna Lewińska und der Modedesigner Tomasz Ossoliński an der Mode der späten 1870er- und frühen 1880er-Jahre. In dieser Zeit erlebte die weibliche Silhouette einen bemerkenswerten Wandel. Die voluminösen Krinolinen der vorangegangenen Jahrzehnte waren schmaleren Röcken gewichen, deren Fülle sich zunehmend auf die Rückseite konzentrierte. Drapierungen, üppige Garnierungen und Tournüren – unter dem Rock getragene Polster oder Gestelle – verliehen den Kleidern ihre charakteristische Form. Die langen Schleppen, die Prus 1875 verspottete, waren eine weitere Erscheinung dieser Mode.

Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)

Die Filmkostüme greifen diese Silhouetten auf, interpretieren sie jedoch mit beträchtlicher künstlerischer Freiheit. Auffallend sind die häufig betonten rückwärtigen Rockpartien, während lange, über den Boden schleifende Schleppen bei den ausgestellten Modellen keineswegs durchgehend vorkommen.Wie die beiden Kostümschöpfer im Interview mit Vogue Polska erzählen, gingen den Entwürfen umfangreiche historische Recherchen voraus. Lewińska studierte Gemälde und französische Modejournale, Ossoliński beschäftigte sich insbesondere mit historischen Schnitttechniken. Als Grundlage für die Konstruktion von Korsetts und Tournüren diente ihm unter anderem ein Schneiderhandbuch von Ksawery Głodziński aus dem späten 19. Jahrhundert.

Kostüm Ausstellung Warschau
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Historusche Mode
Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka und Marcin Dorociński als Stanisław Wokulski in «Lalka» («Die Puppe»).
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)

Der Aufwand war beträchtlich: Rund 3’000 Meter Plissees wurden für die Filmkostüme verarbeitet. Für eine einzelne Robe benötigte man oft etwa zehn Meter Stoff, hinzu kamen Spitzen, Bänder, Schleifen und aufwendige handgefertigte Verzierungen. Den beiden Gestaltern ging es jedoch nicht um eine museal getreue Rekonstruktion. Farben, Materialien und Dekorationen wurden bewusst freier interpretiert. Die Kleider sollten zugleich etwas über die gesellschaftliche Stellung und die Persönlichkeit ihrer Trägerinnen erzählen.

Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüme für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Korsettkunst
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)
Kostüm für Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka in der Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»)

So begegnen wir in der Ausstellung jener verschwenderischen Fülle wieder, die Prus einst mit so viel Spott bedacht hatte. Was ihm als lächerliche Übertreibung erschien, bewundern wir heute als Ausdruck aussergewöhnlicher Schneiderkunst.

Quelle: Kamila Wagner, «Interpretacja zamiast rekonstrukcji. Jak powstawały kostiumy do filmowej Lalki?», Vogue Polska, 13. September 2026.

Quellen und weiterführende Informationen

Bolesław Prus: Kroniki, 26. April 1875. Auszug, Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche. Polnischer Originaltext auf Wikisource.

Bolesław Prus: Die Puppe. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Mit einem Essay von Olga Tokarczuk. Zürich: Kampa Verlag, 2025.

Film: «Lalka» («Die Puppe»). Regie: Maciej Kawalski. Polen, 2026. Nach dem Roman von Bolesław Prus. Mit Marcin Dorociński, Kamila Urzędowska und Marek Kondrat.

Edyta Jarosz-Mackiewicz: «Moda», Nowa Panorama Literatury Polskiej. Sekundärquelle für das Zitat über die «wandelnden Ausstellungen der Polsterkunst».

Kamila Wagner: «Interpretacja zamiast rekonstrukcji. Jak powstawały kostiumy do filmowej Lalki?», Vogue Polska, 13. September 2026.

Ausstellung: Szyk i konwenanse, Łazienki Królewskie, Warschau, 2026.

Fotografien: Aufnahmen von Beata Sievi aus der Ausstellung Szyk i konwenanse, Warschau, Oktober 2026.

Filmplakat für Kinoverfilmung von Bolesław Prus’ Roman «Lalka» («Die Puppe»), Königspark Łazienki in Warschau.
Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka und Marcin Dorociński als Stanisław Wokulski in «Lalka» («Die Puppe»).

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