Als ich im Textilmuseum St. Gallen im Rahmen meines Vortrags „Revolution im Spitzengewand“ einen Gothic-BH aus meiner Sammlung vorstellte, ahnte ich nicht, dass sich daraus eine Spur bis in eine fast vergessene St. Galler Korsettfabrik ergeben würde. Erst durch einen Zuhörer des Vortrags, Markus Egger, dessen Vater die Korsettfabrik AG St. Gallen leitete, wurde sichtbar, dass die kanadische Marke Gothic einst auch in der Schweiz produziert wurde. Seine Erinnerungen und die erhaltenen Fotografien eröffnen heute einen seltenen Blick in die Welt der Dessousproduktion der Nachkriegszeit.

Von Québec nach St. Gallen
Die Marke selbst entstand in den 1930er Jahren in Québec bei der kanadischen Dominion Corset Company. Gothic sollte modern, technisch und komfortabel zugleich sein. Die Werbung versprach eine neue Silhouette, „uplift“ ohne ziehende Träger und eine Brustform, die perfekt zur zunehmend femininen Mode der 1930er Jahre passte. Herzstück war das patentierte „Cordtex“-System, eine eingearbeitete textile Stützkonstruktion, die den Busen von unten formen sollte.

Dass Gothic tatsächlich aus Kanada stammte, lässt sich heute anhand mehrerer historischer Anzeigen nachvollziehen. Besonders eindeutig ist eine Werbung aus den späten 1930er Jahren mit der Aufschrift „Dominion Corset Company Limited, Quebec, P.Q.“ Gleichzeitig taucht die Marke in Londoner Kaufhäusern ebenso auf wie in australischen Zeitungen der 1950er Jahre. Gothic war also kein lokales Produkt, sondern Teil eines internationalen Vertriebsnetzes innerhalb des Commonwealth.

Die Korsettfabrik AG – Zwischen Akkordarbeit und Modewandel
Eine dieser Spuren führte schließlich auch in die Schweiz – zur Korsettfabrik AG in St. Gallen. Dort wurden unter Lizenz BHs der Marke Gothic über Jahrzehnte gefertigt. In guten Zeiten arbeiteten rund 120 Personen in der Fabrik an der Rorschacherstrasse. Genäht wurden nicht nur Büstenhalter, sondern auch Korsetts aus schweren Stoffen, mit Federstahl, Hakenbändern und elastischen Einsätzen – in zahllosen Arbeitsschritten und mit einem hohen Anteil an Handarbeit.


Eggers Erinnerungen geben einen seltenen Einblick in die Schweizer Dessousproduktion der Nachkriegszeit. Der grosse Nähsaal war geprägt von italienischen Näherinnen, Akkordarbeit und dem ständigen Druck, mit Marken wie Triumph konkurrieren zu müssen. Besonders eindrücklich beschreibt er den Zuschnitt, bei dem er als Jugendlicher gelegentlich selbst mithalf. Zunächst mussten schwere Stoffrollen aus dem Lager geholt werden. Danach begann das sogenannte „Staben“: Die Stoffbahnen wurden Lage um Lage auf langen Tischen gefaltet und übereinandergelegt, teilweise bis zu zwölf Schichten gleichzeitig. Anschliessend beschwerten die Zuschneider die Kartonschablonen mit schweren Eisenblöcken und schnitten den Stoff mit extrem scharfen Messern von Hand zu. Der Schnitt musste schnell und präzise erfolgen – zu langsames Schneiden hätte die Stofflagen verschoben. Selbst die Messer wurden von den Zuschneidern eigens hergestellt und geschliffen. Besonders schwierig waren elastische Materialien und die Gummiteile der BHs, während sich die schweren Korsettstoffe vergleichsweise gut schneiden liessen.

Die Mutter von Markus Egger leitete die Produktion, entwickelte Modelle und berechnete Schnittmuster. Gleichzeitig änderte sich die Mode rapide. Ende der 1960er Jahre verloren stark formende BHs zunehmend an Bedeutung, jüngere Frauen wollten weniger strukturierte Wäsche tragen. In dieser Zeit verschwand offenbar auch der Markenname Gothic zunehmend zugunsten von „Swifit“, unter dem die Korsettfabrik AG ähnliche Modelle weiterproduzierte. Auch in meiner Sammlung befindet sich ein Swifit-BH, dessen Schnitt nahezu identisch mit früheren Gothic-Modellen ist. Heute zählen Gothic- und Swifit-Modelle zu seltenen Beispielen früher Vintage Lingerie aus der Schweizer und kanadischen Dessousproduktion.

Dessouswerbung und Modefotografie in St. Gallen
Auch die Werbung entstand weitgehend im eigenen Haus. Professionelle Models konnte sich die Firma oft nicht leisten. Deshalb sprang gelegentlich die Schwester von Markus Egger für Vorführungen oder Fotoaufnahmen ein, manchmal auch eine Büroangestellte. Die erhaltenen Fotografien, aufgenommen in St. Galler und Zürcher Fotogeschäften, überraschen heute durch ihren hohen ästhetischen Anspruch. Mit sorgfältiger Lichtführung, eleganten Posen und beinahe filmischer Inszenierung orientierten sie sich sichtbar an internationalen Dessouskampagnen ihrer Zeit – trotz der bescheidenen Mittel eines mittelständischen Schweizer Betriebs.


An den erhaltenen Werbefotografien lässt sich auch der Wandel der Mode ablesen: Während die frühen Aufnahmen noch den glamourösen Nachkriegsstil zeigen, orientieren sich spätere Bilder bereits an der schlankeren, jugendlicheren Ästhetik der späten 1960er und 1970er Jahre.

Umso gespannter bin ich, welche neuen Geschichten und Erinnerungen sich nach meinem Vortrag am 19. Mai 2026 noch auftun werden. Gerade bei beinahe vergessenen Marken wie Gothic zeigt sich immer wieder, wie viel textile Geschichte noch in privaten Archiven, Familienerinnerungen und Sammlungen verborgen liegt. Wer mehr über historische BHs, Korsetts und die Welt der Vintage Lingerie erfahren möchte, kann meine Sammlung „Weiblichkeit in Form“ nach Vereinbarung besichtigen.


