Einladung zum Vortrag von Beata Sievi im Textilmuseum St. Gallen am 12. Februar 2026.
Der BH ist ein paradoxes Objekt. Er gilt als unscheinbares Alltagsstück und ist zugleich eines der am stärksten aufgeladenen Kleidungsstücke der modernen Modegeschichte. Kaum etwas liegt dem Körper näher – und kaum etwas ist stärker von gesellschaftlichen Erwartungen, Blicken und Normierungen geprägt. Seine Geschichte ist ein Geflecht aus Mode, Technik, Körper, gesellschaftlichen Rollenbildern und Ökonomie.
Die Entstehung des BHs um 1900 fällt in eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche. Frauen treten vermehrt in den öffentlichen Raum, arbeiten, treiben Sport, engagieren sich politisch. Das Korsett, jahrhundertelang Garant weiblicher Form, wird zunehmend als physische und symbolische Einschränkung empfunden. Die frühen Büstenhalter – von Herminie Cadolles geteiltem Korsett bis zu Mary Phelps Jacobs’ patentiertem Backless Brassiere – sind weniger Ausdruck modischer Freiheit als funktionale Versuche, den weiblichen Körper unter veränderten Bedingungen neu zu organisieren. Befreiung und Kontrolle stehen von Beginn an in einem ambivalenten Verhältnis.
Diese Ambivalenz prägt auch die 1920er Jahre. Die Flapper- und Garçonne-Silhouette verweigert bewusst traditionelle Weiblichkeitsmarker: Die Brust wird nicht betont, sondern neutralisiert. Brassiers dieser Zeit formen nicht, sie regulieren. Gleichzeitig entstehen neue industrielle und kommerzielle Strukturen: Maßsysteme, spezialisierte Verkäuferinnen, standardisierte Passformen. Unterwäsche wird rationalisiert – der weibliche Körper vermessen, kategorisiert, normiert.
Ab den 1930er Jahren verschiebt sich der Fokus erneut. Die Brust kehrt zurück, zunächst subtil, dann zunehmend ins Zentrum der Silhouette. Technische Innovationen – Abnäher, elastische Materialien, erste BH-Bügel – ermöglichen gezielte Formgebung. Marken wie Kestos, Gotik oder Marie Lebigot verbinden handwerkliche Präzision mit ästhetischem Anspruch. Unterwäsche wird sichtbar mitgedacht, als architektonische Grundlage der Mode. Werbung inszeniert Haltung, Eleganz und gesellschaftliche Zugehörigkeit – der BH wird zum unsichtbaren, aber entscheidenden Akteur der Erscheinung.
Technische Lösungen wie der Bullet-Bra, konische Cups, Steppnähte und der Whirlpool-Stichling stehen exemplarisch für diese Phase. Sie erzeugen Halt, gleichzeitig eine gezielt modellierte Brustform. Werbung, Film und Modefotografie verstärken diese Ästhetik und schreiben sie als Ideal fest. Kulturelle Lesarten von Weiblichkeit differenzieren sich nun deutlich. In den USA dominiert Hollywood-Glamour: überzeichnete Formen, plakative Kampagnen, der BH als sichtbarer Träger von Attraktivität und Begehren. Französische Modelle setzen auf subtile Linie und kontrollierte Eleganz.
Auch in der Schweiz entwickelt sich eine eigenständige Formkultur: Die tatsächlichen BH-Modelle sind sorgfältig konstruiert, technisch anspruchsvoll und ästhetisch elegant – aber nicht übertrieben. Die Konstruktion erlaubt Alltagstauglichkeit und formt dennoch die Weiblichkeit; das Spektrum reicht vom funktionalen Tages-BH bis zu eleganten Abend-Bustiers. Gleichzeitig inszeniert die Werbung diese Modelle stark überzeichnet: Weiblichkeit und modische Linien werden betont, glamourös dargestellt, oft jenseits der realen Wirkung. Schweizer Unterwäsche vermittelt so eine Doppelwirkung: realistisch zurückhaltend im Tragekomfort, optisch prägnant und normativ in der Außendarstellung. Marken wie Egli und Libelle zeigen, dass Formgebung, Stil und gesellschaftliche Ideale eng verwoben sind.
Der BH wird damit endgültig zu einem kulturell codierten Objekt: Er formt den Körper, inszeniert Weiblichkeit und spiegelt ein Spannungsfeld zwischen Realität und Ideal – zwischen Gebrauch und Projektion. Spätestens mit der Entwicklung von Push-up-Konstruktionen und globalen Werbekampagnen wird der BH Wonderbraselbst zur Ikone. Er steht nun offen im Spannungsfeld von Sexualisierung, Selbstinszenierung und Selbstbestimmung. Die Frage, ob Unterwäsche Frauen ermächtigt, befreit oder instrumentalisiert und verdinglicht, bleibt bis heute offen.
Der Vortrag „Revolution im Spitzengewand“ basiert auf einer Sammlung historischer Lingerie, die diese Entwicklungen anhand von Originalobjekten nachvollziehbar macht. BHs, Brassiers, Korseletts und Werbematerialien werden nicht als nostalgische Artefakte gezeigt, sondern als Dokumente einer fortwährenden Aushandlung zwischen Körper, Gesellschaft und Definition von Weiblichkeit. Einige Objekte der Sammlung können beim Vortrag aus nächster Nähe betrachtet werden.
Der Vortrag findet statt am 12.Februar 2026 um 18:30 Uhr im Textilmuseum St.Gallen, wo derzeit die Ausstellung „Mode Sammeln“ zu sehen ist. Hier geht es zur Anmeldung. Die gesamte Sammlung historischer Lingerie, „Weiblichkeit in Form“, ist darüber hinaus auf Anfrage zugänglich; weitere Informationen finden Sie hier auf meiner Homepage.






