Kategorie: Fotosessions

Korsett und Emanzipation

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„Orgasm me too“ – Corset by Beata Sievi Corset Artist, Juli 2018

In den 20 Jahren meiner Arbeit als Korsettdesignerin wurde ich immer wieder darauf hingewiesen, besonders gern von Journalisten, dass Korsett das ein Symbol der weiblichen Unterdrückung sei. Diesen Vorurteilen versuchte ich stets mit Gelassenheit zu begegnen. Nachdem ich in den letzten zwei Jahren eine Reihe kultureller Veranstaltungen organisiert habe, die die Befreiung der weiblichen Sexualität aus den Fesseln des Patriarchats thematisieren, werde ich nun erst recht gefragt, wie ich Korsetterie und Emanzipation miteinander verbinde. Die Antwort: Das Korsett ist dazu bestimmt, die weibliche Verführungskraft zu bestärken. Es ist nicht das Korsett, das weibliche Verführung mit Unterdrückung verbindet, sondern das Patriarchat. Denn Korsette können Frauen durchaus darin bestärken, ihre Rechte und ihr Vergnügen aktiv einzufordern. Meine neuste Kreation will diese Auffassung deutlich zum Ausdruck bringen.

Korsett revolution
Werbung für Ball`s Corset ca. 1880

Korsett und erotische Subjektivität der Frau

Als ich mich vor 20 Jahren mit der Geschichte des Korsetts zu befassen begann, stiess ich auf die Werke der amerikanischen Modeforscherin Valerie Steele. Die Untersuchung konkreter historischer Beispiele führte sie in ihrem Buch „The corset. A cultural history“ zum Schluss, dass ein Mieder schon früh ein Mittel der selbstbewussten Inszenierung weiblicher Schönheit war und in Verführungen gekonnt eingesetzt wurde. Frauen des 18. und 19. Jh. waren weit davon entfernt, lediglich Objekte des männlichen Begehrens zu sein, sondern spielten aktiv mit ihrer modischen Aufmachung. Valerie Seele lieferte mir damit einen Beweis für meine vage Intuition, dass es zu kurz greift, Korsetts per se mit Einschnürung gleichzusetzen, und sie bestätigte mir die starke Faszination für dieses besondere Objekt. Das fundierte Wissen über die Korsettgeschichte habe ich sowohl in meinem Unterricht integriert als auch den Journalisten zu vermitteln versucht.

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Jean-François Detroy, Lady showing bracelet to her suitor, 1734

Heute, nach der Lektüre der Werke der berühmten Soziologin Eva Illouz, würde ich zu der Analyse von Valerie Steele gerne etwas ergänzen. Auch wenn früher das Korsett den Frauen in sexuellen Beziehungen durchaus zu Subjekt- und nicht einfach zu Objektstatus verholfen haben mag, so verblieb ihre Autonomie dennoch auf einen relativ schmalen Raum beschränkt. In ihrem Werk „Warum die Liebe weh tut“ argumentiert Eva Illouz, dass Schönheit und sinnliche Anziehungskraft in der patriarchalischen Gesellschaft über Jahrhunderte so etwas wie ein „erotisches Kapital“ darstellten. Diese auf dem Heiratsmarkt und in illegitimen Liaisons bewusst eingesetzte Währung ermöglichte es Frauen, einen sonst unzugänglichen ökonomischen oder sozialen Status zu erreichen. Dass bei diesem Tauschhandel ihre sexuellen Bedürfnisse angedeutet, aber nicht unbedingt befriedigt wurden, mussten sie angesichts mangelnden Wissens über die weibliche Sexualität und in Anbetracht rigider Moralvorstellungen hinnehmen.

Erotische Freiheit und fehlende Selbstbestimmung

Heute ist die Situation anders. Die Chancen für den sozialen Aufstieg und Reichtum sind zwischen den Geschlechtern zwar noch nicht gleich, aber auf der Seite der Frauen grösser als je zuvor. Das fundierte Wissen über weibliche Sexualität ist vorhanden und gut zugänglich und die Einschränkungen der Religion sind weggefallen. Wie steht es aber um die weibliche Selbstbestimmung in der Sexualität in dieser neuen Epoche der Befreiung? Die junge Philosophin Margret Stokowski gibt in ihrem Buch «Untenrum frei» folgende Antwort: «Während wir glauben, wir hätten die Fesseln des Patriarchats längst gesprengt, haben wir nur gelernt in ihnen shoppen zu gehen». Dabei bezieht sie sich auf die Tatsache, dass sehr viele Frauen in den erotischen Begegnungen immer noch auf ihr erotisches Vergnügen verzichten. Dies bestätigen Psychologinnen und Sexologinnen wie Martha Meana, Peggy Orenstein, Tabea Freitag und Sandra Konrad, die sowohl mit reifen als auch mit jungen Frauen arbeiten. Die Forscherinnen machen darauf aufmerksam, dass vielen Frauen von heute der Zugang zum eigenen sinnlichen Empfinden fehlt. Oft wissen sie kaum, was sie wollen, und lassen sich deshalb auf sexuelle Praktiken ein, die ihnen keinen Spass bereiten. Sie täuschen den Männern ihre Erregung vor und stellen das eigene Vergnügen hintenan. Woran liegt es, dass viele Frauen selbst nach der sexuellen Revolution so bereitwillig Männer befriedigen und so wenig Engagement für die Erfüllung ihrer eigenen sexuellen Wünsche zeigen?

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Stoffdruck für das neue Korsett von Beata Sievi Corset Artist

Psychologische Forschungen nennen unterschiedliche Gründe. Erstens sind viele Frauen immer noch überzeugt, dass sie durch sexuelle Unterwerfung das Interesse des Mannes gewinnen oder dieses erfolgreich aufrechterhalten können. Insbesondere, wenn es um die erste Verliebtheit geht, steht die Sexualität im Dienst der Bindung und wird unbewusst instrumentalisiert. Hier ist das eigene Vergnügen noch involviert, aber das erotische Potential wird oft nicht ausgeschöpft, weil Mädchen ihre Climax und all das, was zu ihr führen könnte, von ihren jungen Partnern nicht einzufordern wissen. Auch in Langzeitbeziehungen kommen viele Frauen nicht auf ihre Kosten, weil ihnen die Lust mit den Jahren abhandenkommt. Gefangen in dem Modell der monogamen Ehe, verzichten sie auf erregende Abenteuer und zwingen sich, die eheliche Pflicht auch ohne Lust zu erfüllen.

Als zweite Gruppe der Motive, weshalb Frauen auf die männlichen sexuellen Wünsche reagieren, auch wenn sie selbst dabei nicht erregt sind, nennen die Forscher Befriedigung unterschiedlicher sozialer Bedürfnisse. In vielen persönlichen Interviews und Fragebogen mit Heranwachsenden zeigt sich, dass vor allem Fellatio eine verbreitete Praktik ist, die nur von den Männern mit körperlicher Lust betrieben wird. Junge Frauen hingegen schildern sie als eine „unpersönliche Angelegenheit“ und sie vergleichen Oralverkehr sogar mit einem Zahlungsmittel, das ihnen besondere Dienste leistet. Ganz anders als vor 30 Jahren, als orale Stimulation noch als Zeichen einer ganz grossen Intimität galt.

Das neue Korsett von Beata Sievi Corset Artist - Entstehungsprozess
Das neue Korsett von Beata Sievi Corset Artist – Entstehungsprozess

Die Befragungen von Jugendlichen zeigen zwei Hauptmotive, weshalb junge Frauen Männer oral befriedigen, selbst wenn sie dabei weder emotionell engagiert noch erregt sind. Einerseits versuchen sie damit in Situationen grossen Drucks – bis hin zur Erpressung – den Partner mit oralem Sex zu besänftigen, ohne in den Geschlechtsverkehr einwilligen zu müssen. Die Häufigkeit, mit welcher sie diese Strategie anwenden, deutet daraufhin, dass männliche Dominanz im heutigen Dating sehr oft vorkommt und es den Frauen an anderen Mitteln, damit umzugehen, komplett fehlt. Zudem gibt es, aller Aufklärung zum Trotz, heute noch Frauen, die glauben, dass Männer aufgrund der hormonellen Unterschiede von der sexuellen Spannung befreit werden müssen und dass Verantwortung dafür einer Frau obliegt. Als zweites Motiv für ihre Fügsamkeit führen viele Mädchen an, dass eine Einwilligung in Fellatio ihnen „die richtige Art der Popularität“ unter den Männern einbringt und ihren Status in der Peer-Gruppe erhöht. Offenbar setzt hier die von Männern produzierte Pornografie bereits im Alltag die Standards dafür, was Frau für einen Mann interessant macht.

Gefragt nach ihrem eigenen Empfinden geben Mädchen zu, dass sie bei solchen Praktiken keinen wirklichen Spass haben. „But it’s definitely not the physical side of it, because that’s so gross and it really hurts my throat. I mean, it’s sort of fun getting in the rhythm of it. But it’s never fun fun”, meinte eine 18-Jährige, die von Peggy Orenstein interviewt wurde. Diese Haltung unterstützen bedauerlicherweise zahlreiche Frauenzeitschriften, indem sie nicht nur einfache Tipps für Fellatio abgeben, sondern auch – wie z.B. in der Online-Version von Glamour und Freundin – Frauen belehren, wie es möglich ist, sogar den Würgereflex abzutrainieren, um den berühmten „Job“ besser zu verrichten.

„Würde die Menschheit dieselben Anstrengungen in die Raumfahrt stecken, wie die Redaktionen von Frauenzeitschriften in Blowjob-Ratgeber, könnten wir längst zum Kaffeetrinken auf den Mars“ – bringt es Margret Stokowski auf den Punkt.

Auch ich betrachte die gegenwärtige Situation als höchst problematisch und alarmierend. Das grösste Potential der Sexualität liegt in der Reziprozität! Sexuelle Praktiken, in welchen männliche Bedürfnisse nach sexuellem Vergnügen selbstverständlich befriedigt werden, während die Frau ihre körperlichen und emotionalen Empfindungen gänzlich abspalten muss, um daraus irgendeinen sekundären psychischen oder sozialen Nutzen zu ziehen, kreieren ein ungesundes strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Sie entfremden beide Agierende vom Glückspotential, das einer reziproken erotischen Begegnung innewohnt. Eine derartige Instrumentalisierung der weiblichen Sexualität untergräbt zudem die Integrität der Frau und zementiert die patriarchalen Strukturen.

“Orgasm is a human right”

Die erotische Anziehung zwischen den Menschen ist eine Urkraft. Von Anbeginn meiner Arbeit als Korsettdesignerin habe ich mich als Botschafterin dieser Kraft verstanden. Meine Korsetts sind dazu bestimmt, in den heterosexuellen Beziehungen die weibliche Verführungskraft zu bestärken. In meinen Kreationen sehen Frauen so aus, wie sie sich wünschen und wie das männliche Auge es erträumt. Der begehrende Blick eines Mannes vermag dafür die weiblichen Sinne anzuregen. Hier stehen sich beide Geschlechter in ihrer vollen Potenz als gleich starke Wesen gegenüber. Dieses Potenzial soll aber auch in der sinnlichen Begegnung Entfaltung und Kulmination finden. Um dies zu erleben, müssen Frauen sich dazu entscheiden, ihr sexuelles Vergnügen einzufordern.

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Literatur:

The corset. A cultural history, Valerie Steele
Warum Liebe weh tut. – Eva Illouz, Surkamp 2016
Girls & Sex: Navigating the Complicated New Landscape.- Peggy Orenstein, Paperback 2017
Die versteckte Lust der Frauen. – Daniel Bergner, Knaus 2014
Emotionale Gewalt durch Pornografie und frühe Sexualisierung. -Tabea Freitag in: Bindung und emotionale Gewalt – Karl Heinz Brisch(Hrsg.), Klett-Cotta 2017
Das beherrschte Geschlecht – Sandra Konrad, Piper 2017
Untenrum frei. – Margret Stokowski, Rowohlt 2017

As a trained psychologist and tailor I always aimed for deeper understanding of fashion, seduction and gender roles and I used to see the corset as a mean of women`s subjective erotic play. It was the author of the book “The Corset. Cultural history” Valerie Steel, who helped me to understand the corset in this way and her concept of eroticism in fashion influenced my work as corset designer for past twenty years.
In the very last time however I was faced with researches showing the alarming lack of subjectivity of young women, rooted in attachment insecurity and being trapped in standards of pornographic culture. Sociological analyses of Eva Illouz led my finally to the conclusion that it is time to take apart from my artistic activity in corset-making and come back to psychology.
My last creation was an attempt for the artistic interpretation of corset as a symbol of women’s subjectivity. After long reflection I came to conclusion that only as clear statement, as the one I have placed on my corset, can make it nowadays clear, what Eva Illouz postulates in her lectures and books, f.i. “Why love hurts”. She stats that the beauty and its enhancement built the erotic asset of women in the past but she points out, that it was the only capital, which could have been exchanged for either love or social status in order to participate in the men’s power. As my own research on the history of sexuality shows this exchange didn’t included the right for erotic pleasure, which is particularly sad for such erotic garment as corset. After this reflection I came to conclusion that instead of enhancing women’s seductive power it is more important to encourage them to invest in their education and professional skills as a way to obtain the social acknowledgement and support them in their quest for sexual pleasures. The corset might still be occasionally a mean of erotic play but only if this is a play on equal footing and the gain is no other than mutual sensual pleasure.

 

Neue Boudoir Korsett Kollektion von Beata Sievi – le corset „Séduction“

Boudoir Korsett "Desir" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction““ von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Als ich 1999 das Atelier « entre nous » gründete, war mein Traum sinnliche Dessous zu entwerfen und herzustellen. Im Rahmen eines Praktikums, in einer traditionellen Manufaktur in meiner Heimatstadt Danzig, in Polen, erlernte ich zuerst die Massanfertigung von Lingerie. Später kam das im Selbst-Studium gewonnene Fachwissen der Korsetterie dazu. Meine Kreationen begeisterten immer mehr Frauen und mein Kundenkreis wuchs. Ich war von der Idee – Underwear as Outerwear – und den durch Lingerie inspirierten Kleidern angetan. Anspruchsvolle Kreationen von Haute Couture Designern wie: John Galliano und Jean Paul Gautier inspirierten mich, und ich sah in einem Korsett ein Kunstobjekt. Meine Kundinnen, entzückt von den perfekt verarbeiteten, fantasievollen und immer aus luxuriösen Materialien angefertigten Korsetts, wünschten sich diese öffentlich und nicht nur im privaten Rahmen zeigen zu können. Diesem Wunsch hat sowohl die Form des Korsetts, als auch ihre Gestaltung Rechnung zu tragen. So wurden meine Kreationen in den fünfzehn Jahren meiner Tätigkeit vor allem zu einem begehrten Prestigeobjekt.

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction““ von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg

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Boudoir Korsett „Desir“ von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg

In der letzten Zeit verspürte ich jedoch vermehrt den Wunsch meine ursprüngliche Inspiration wieder aufleben zu lassen und mich in der freien Kreation dem Thema der Verführung zu widmen. Ich habe mich gefragt: Wie ist das männliche Auge zu reizen, damit ihm ein höchster Grad der Bewunderung und ein unvergesslicher Glanz zu entlocken ist? Und wie sollte sich das Korsett für die Trägerin anfühlen, damit es für einmal nicht öffentlich sondern zu einem intimen Rendezvous ihrer Träume getragen werden kann und so ihre sinnliche Lust steigert? Ich setzte mir zum Ziel es so schön zu gestalten, dass es als Objekt Träume weckt und beim Tragen die Freuden und Wonnen der körperlichen Liebe erfüllt und deshalb in ihrem Boudoir seinen festen Platz einnimmt!

In den Wintermonaten entstand in meinem Atelier eine kleine „Boudoir-Korsett“ Kollektion die all diesen Ansprüchen gerecht wird und mein Sortiment perfekt ergänzt. Meine Muse: Anna Logue und mein bevorzugter Fotograf: Ewald Vorberg, haben im  schönen Ambiente eines Schlosses in Süddeutschland, die Wirkung der edlen Korsagen erprobt und beide sind von deren Charme nicht unberührt geblieben. Davon zeugen die Bilder, die ich Ihnen in drei Artikeln zeigen werde. Mögen sie auch ihre Wünsche und Träume inspirieren…

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction“ von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction“ von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction““ von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction“ von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction““ von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg

Boudoir Korsett "Séduction"" von Beata Sievi, BIld: Ewald Vorberg
Boudoir Korsett „Séduction““ von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Dieses Boudoir Korsett können Sie im Atelier „entre nous“ in Winterthur anprobieren und als prèt-à-porter Artikel in Standard Grösse 36-38 oder 40-42 oder in Feinmassanfertigung bestellen. Bei Bestellungen stehen Ihnen auch zusätzliche Stoff- und Farbkombinationen zu Verfügung. Ich freue mich auf Ihre Anfrage unter: atelier@entrenous.ch oder 052 213 90 89.

Begegnung von Korsett Designerin Beata Sievi und Lucy Corsetry in Oxford

Lucy from Lucy's Corsetry - begeisterte Korsetträgerin und Expertin from Canada
Lucy from Lucy’s Corsetry – begeisterte Korsetträgerin und Expertin from Canada, Bild: Beata Sievi

Das Atelier „entre nous“ wurde im Oktober 1999 eröffnet. Über das Korsett-Handwerk gab es keine schriftliche Informationen. Unter den wenigen Fachspezialisten, die entweder der unzugänglichen Couture Domaine oder dem Fetisch Untergrund angehörten gab es keinen Austausch. Wie anders sieht die Situation heute aus! Dank dem Internet hat das Korsett als Objekt grosse Popularität gewonnen und das Korsetthandwerk erlebt ein grosses Revival. Einer der populärsten You-Tube Chanels zum Thema Korsetterie wird von Lucy Corsetry geführt. Sie prüft und analysiert Korsetts verschiednener Marken, und berichtet über die mit dem Tragen des Korsetts verbundenen Anforderungen und Körpergefühle. Hier werden auf eine intelligente Weise viele Klischees widerlegt und alle wichtigen Fragen beantwortet.

Lucy wearing corset made by Beata Sievi , Atelier "entre nous" Switzerland
Lucy wearing corset made by Beata Sievi , Atelier „entre nous“ Switzerland, Bild: Beata Sievi

Es hat mich sehr gefreut zu erfahren, dass Lucy an der Oxford Conference of Corsetry im August 2014 teilnehmen wird, die auch auf meinem Reiseplan stand. Wir haben vereinbart in England eine kurze Fotosession und ein Interview über meine Arbeit durchzuführen. Die passionierte Korsettträgerin nahm die Gelegenheit wahr, eines unserer pret-à-porter Korsetts zu testen, und war begeistert.

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Lucy from „Lucy’s Corsetry“ wearing „entre nous“ prêt-à-porter corset in the Library in Oxford

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Lucy wearing „entre nous“ prêt-à-porter corset in the Library in Oxford

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Lucy wearing „entre nous“ prêt-à-porter corset in the Library in Oxford

Die kurze und etwas improvisierte Fotosession fand im Jesus College statt. Das Jesus College ist eines der Colleges der Oxfors Universität und wurde von Königin Elisabeth I  im Jahre 1571 gegründet. Die um 1678 erbaute Bibliothek beinhaltet unter anderem wertvolle Schriften aus den 17. Jahrhundert und erinnerte mich an die vom Umberto Eco im Roman „Der Name der Rose“ beschriebene geheime Kloster Bibliothek. Es hat mich gefreut Lucy an diesem inspirierenden Ort porträtieren zu dürfen.

Allen, die mehr über die Korsett Konferenz in Oxford erfahren möchten, empfehle ich die Reportage in meinem Blog http://www.entrenous-ecoleducorset.com. Oder aber Sie besuchen meinen Vortrag am 6. September 2014 im Atelier „entre nous“  um 13 Uhr.  Eintritt: Vortrag inkl. Apero CHF 35. Anmeldung: atelier@entrenous.ch.

Festsaal in Jesus College, Ort der Oxford Corsett Conference 2014
Festsaal in Jesus College, Ort der Oxford Corset Conference 2014

Neues prêt-a-porter Korsett aus Seidenbrockat

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Prêt-à-porter Korsett von Beata Sievi, Atelier « entre nous », corset of excuisite Suisse quality

Nico Destillat posierte kürzlich für mich im neuen „entre nous“ prêt-a-porter Korsett. Aus elegantem Seidenbrockat angefertigt, eignet es sich sowohl für wichtige Rendez-vous, als auch für Gala-Abende – immer, wenn der Charme der Weiblichkeit unterstrichen oder gar in Szene gesetzt werden soll. Das Korsett ist derzeit im Showroom des Ateliers „entre nous“ in der Grösse 38 erhältlich. In anderen Grössen und Farbnuancen kann es auf Bestellung angefertigt werden.

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Nico Destillat im prêt-à-porter Korsett von Beata Sievi, Atelier « entre nous »

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Nico Destillat im prêt-à-porter Korsett von Beata Sievi, Atelier « entre nous », Preis CHF 1200

«Trouver son Jules à Paris» – Korsett-Geschichte von Beata Sievi und Ewald Vorberg Teil 3

Um den vorherigen Teil der Geschichte zu sehen, klicken Sie hier.

Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett und einem couture-Jupe von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Er wollte Sie unbedint heute noch sehen. Sie solle in den Park kommen und beim Brunnen auf ihn warten. Sie müssen die Reise nach Spanien verschieben – etwas unvorhergesehenes sei vorgekommen. Sie spürt, dass eine unerfreuliche Nachricht auf sie zukommt.

Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi
Elérinna im Ribbon-Korsett und einem Glockenrock aus Seidentaft vom Atelier „entre nous“
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi und Jonathan , Paris 2013

Er hat ihr ein Buch von Fernando Pessoa mitgebracht, das ihm immer wichtig war. Es sind nur ein paar Monate, die er im Ausland verbringen wird. So ein Stipendium, wie ihm angeboten wurde, ist eine einmalige Gelegenheit. Sie schaut ihn an, wie er um ihr Verständnis wirbt. Ein halbes Jahr! Es gibt immer etwas, was die Männer von ihr wegzieht. Er fragt ob sie bereit sei auf ihn zu warten.

Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi und Jonathan , Paris 2013, Bild: Ewald Vorberg
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi, Paris 2013, Bild: Ewald Vorberg
Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi
Elérinna Nérélia in couture-création von Beata Sievi, Paris 2013, Bild: Ewald Vorberg

Sie weiss nur, dass sie sich bei ihm immer wohl fühlt. Es wird allmählich dunkel im Park und er spricht auf einmal Spanisch. Sie versteht nicht alles, aber es berührt sie – und sie sagt ihm, dass sie auf ihn warten will. Leise fügt sie hinzu „Wenn ein Herz denken müsste, würde es still stehen“ – das ist auch vom Fernando Pessoa.

Sie wollen nur noch ein letztes gemeinsames Foto haben und lassen sich von einen Passanten fotografieren.

Elérinna Nérélia im Ribbon-Korsett von Beata Sievi
Jonathan et Elérinna  portent couture-création de Beata Sievi,  styliste de l’atelier „entre nous“ Suisse

 

«Trouver son Jules à Paris» – Korsett-Geschichte von Beata Sievi und Ewald Vorberg Teil 2

Um den Teil 1 der Geschichte sehen klicken Sie hier.

Elerinna Nerelia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg
Elerinna Nerelia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Er hat Sie zu einer Aufführung in der Comédie Française eingeladen. Sie geht sehr selten ins Theater aber diesen Vorschlag fand sie originell. Sie wollte aber, dass sie sich schon vorher im Café Le Nemours in der Nähe der Comédie Française zum Apero treffen, da sie ihm etwas wichtiges zu sagen hätte. Eigentlich ist sie liiert und er darf sich keine grossen Hoffnungen machen. Sie weiss nicht wie es dazu kam, dass sie es ihm bisher nicht sagte. Etwas in seiner Art gab ihr das Gefühl einer grossen Freiheit.

Elerinna Nerelia im Spitzenbustier von entre nous, Bild: Ewald Vorberg
Elérinna Nérélia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Elerinna Nerelia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg
Elérinna Nérelia dans le Café Le Nemours in Paris potent le corset de dentelle faite par la corsetière  Beata Sievi, Suisse; Photo: Ewald Vorberg, Coiffeur; Mauricette Abucaya, Make-up Beata Sievi

Er ist wieder zu spät. Sie setzt sich alleine auf die Terrasse des Cafes Le Nemours und wartet. – Ein schöner Ort, an dem sie sich immer irgendwie wohl fühlt. Ob ihm das Spitzenbustier gefallen wird? Er scheint sich über ihre Outfits immer ein wenig zu amüsieren.

Er erzählt ihr von der Aufführung, für die sie sich verabredet haben. Eigentlich hat er sie schon gesehen, möchte aber nun auch ihre Meinung dazu hören. Die Art, wie er von dem Schauspiel erzählt fesselt sie, ohne dass sie den Inhalt seiner Worte ganz versteht. Er scheint ihr Outfit nicht wahr zu nehmen, sein Blick ist dennoch beunruhigend.

Elerinna Nerelia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg
Jonathan Mesica et Elérinna Nérelia  portant le corset de dentelle faite par corsetière  Beata Sievi, Suisse, dans le Café Le Nemours in Paris; Photo: Ewald Vorberg, Coiffeur; Mauricette Abucaya

Elerinna Nerelia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg
Elérinna Nérélia im Spitzenbustier von Beata Sievi, Bild: Ewald Vorberg

Und dann schlägt er plötzlich vor, noch vor der Aufführung in den Park zu gehen, er wolle ihr etwas wichtiges sagen. Kaum schafft sie es, ihre Gedanken zu sammeln, umarmt er sie und fragt, ob sie das Korsett angezogen hat um ihn zu verführen. Sie fühlt, dass es bereits zu spät ist, etwas abzuwenden.

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Bustier aus St.Gallerspitze aus der Kollektion „Prestige“, Beata Sievi, Atelier entre nous, Winterthur

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Elerinna Nerelia im „entre nous“ Korsett und Jonathan, Bild: Ewald Vorberg

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Jonathan und Elérinna Nérélia im „entre nous“ Korsett im Gardin Palais Royal in Paris, Bild: Ewald Vorberg

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Jonathan Mesica et Elérinna Nérelia  portant le corset de dentelle de St.Gall faite par corsetière  Beata Sievi, Suisse,  Photo: Ewald Vorberg

Als sie zurückgehen erzählt er von seinem Heimatort im Süden Spaniens, wie warm es dort sei und wie die Menschen auf der Plaza am späten Abend den Wein trinken. Wieder ist in seiner Stimme diese Magie, die einen wähnen sässt, mit ihm in Spanien die Wärme zu geniessen. Und dann fragt er sie unvermittelt, ob sie mitkommen würde, wenn er wieder dorthin fährt…

Fortsetzung folgt.

„Zwischen Himmel und Erde – der Tango Sinnlich und erhaben“

ilder: Giorgio von Arb Model Cindy in der Kreation von Beata Sievi und Tangolehrer Silvio Grand, Bild: Giorgio von Arb

„Auf ein Pferd aus nobler Zucht gesetzt,
das um eine Haaresbreite den Sieg verfehlt.
Das scheint dir nun zu sagen:
Wer hoch spielt, der kann nur verlieren.
Auf ein Pferd hast du gesetzt,
wie auf jenes berauschende Weib,
das dir vergnügt die Liebe vortäuscht
und dein Herz zu einem Scheiterhaufen macht.“

So verewigte Carlos Gardels Stimme, im berühmten Tango „Por una cabeza“ die Verbindung zwischen Spiel, Liebe und der Wettleidenschaft im Pferderennsport: Das Schicksal des verratenen Liebhabers scheint dem Verlust auf der Rennstrecke verwandt. Der Glaube des Verliebten an die Beständigkeit der Liebe und das Vertrauen des Spielers in einen zukünftigen Sieg des gewählten Pferdes – verdanken sich beide der Kraft der Illusion. Auch der Tangotänzer ist dieser Welt des Hasardspiels ausgeliefert, stets auf der Suche nach dem magischen Augenblick der Einheit zweier Körper, vereint in der Musik. Wo tänzerisches Können und die Sehnsucht nach Nähe zum anderen Geschlecht aufeinander treffen ist der Himmel nahe. Die Umarmung eines erfahrenen Tangueros ist zugleich zärtlich und bestimmt, seine Figuren verwegen, aber so virtuos ausgeführt, dass der Genuss der Frau ihrem Widerstand zuvorkommt. Ihre Hingabe muss vorbehaltlos sein, die Verlorenheit im Augenblick wird in der Anmut ihrer Bewegung sichtbar. In den Boden zeichnen ihre Füsse die für den Mann bestimmten Liebkosungen ein. Wenn sie Glück haben, werden die beiden in den drei Minuten des Tangos ein Stück des verlorenen Paradieses erlangen – ein Augenblick so kurz, dass die Sehnsucht nie vollkommen gestillt werden kann.

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Vielfältig sind die musikalischen Strömungen, die zur Entstehung des Tango Argentino beigetragen haben. Die Elemente der kubanischen Habanera, der afrikanischen Danza und der Candombe mischten sich in den Vorstädten von Buenos Aires in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem ländlichen Stegreifgesang der Gauchos und führten zu Entstehung der Milonga – eines fröhlichen Vorläufers des Tangos. Die Paare tanzten dabei sanft aneinandergeschmiegt, der einfache Gehschritt und die leichten Drehungen gaben zur Annäherung willkommene Gelegenheit. “Auf französische Art“ wurde es genannt, weil man den Ursprung dieser sinnlichen Art des Tanzes in Paris vermutete.
Die musikalische Phantasie und Sehnsucht der italienischen und spanischen Immigranten verschafften dem neuen Tanz bald ein neues, immer komplexeres Repertoire. Der Tango, wie die neue Musik genannt wurde, unterstellte um 1900 seine rhythmische Struktur der wechselnden Dynamik einer Melodie, die die menschliche Not und Sehnsucht auszudrücken suchte. Indem die Melodie anstelle des Rhythmus bestimmend wurde, waren die Tänzer zu fortwährender Improvisation gezwungen:
„Es existierte keine Regelmässigkeit, und nichts liess sich vorhersagen, weil die nächste Figur, die nächste Schrittabfolge, das gesamte Stück erst im Moment seiner Ausführung erfunden wurde. Es war notwendig, eine Technik dafür zu entwickeln: das Paar musste sich vollständig umarmt bewegen, Gesicht an Gesicht, Seite an Seite. Der Mann gab die Richtung der Frauenschritte an und bestimmte sie sogar regelrecht mittels seiner rechten Hand, mit der er sie fest um die Taille fasste“. (Carlos Vega)

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Sinnlich und erhaben

Der Tango wurde zunächst in den sogenannten Academias getanzt, wie man die „öffentlichen Tanzsalons mit dem üblichen Anhängsel der Getränke“ nannte. Die angestellten Tänzerinnen trugen wadenlange Röcke über aufgeplusterten Unterröcken, die genügend Bewegungsfreiheit für die riskanten Figuren zuliessen. Wie es scheint, tanzte man nicht so sehr um zu verführen – viele der Frauen sollen ausgesprochen hässlich und sogar zerlumpt gewesen sein. Man erwartete von ihnen nur eins: perfekt und pausenlos zu tanzen. In der Stadt Rosario erfreuten sich bereits um 1870 die Tanznachmittage, genannt peringundin, grosser Popularität. Beim Eingang entrichtete der Tanzwillige einen Real für 6 Minuten Tanz. Wie es Horacio Salagan eindringlich schildert, konnte man sehen, wie einige der Mädchen in Schweiß gebadet waren, und wie nach denen, die besser als die anderen tanzten, die Galane ihre Arme schon ausstreckten, bevor die vorigen Tanzkumpane sie losgelassen hatten. Szenerien, die mit einem guten Tangoabend von heute vergleichbar sind! Weder die eleganten Kleider noch die schöne Figur zählen im Tango so sehr wie die Anmut der Bewegung.

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„Tanz der schlecht beleumdeten Häuser“

Der für die Entstehung und musikalische Entwicklung des Tangos bedeutendste Ort war das Bordell. Mit dem durch die Einwanderung verursachtem Männerüberschuss entwickelte sich die Prostitution im Buenos Aires der Jahrhundertwende zu einem blühenden Geschäftszweig. Die Bordelle waren vorwiegend in der orilla, dem Saum wildwuchernder Vororte, angesiedelt und, sie waren bemüht, nicht nur Frauen sondern auch gute Unterhaltung zu bieten. „Die freizügigen Nachtschwärmer von La Boca,“ so beschreibt Sebastian Talion das Leben in der Vorstadt, „verliessen die Bordelle nie, ohne zuvor einen kleinen Tango zu tanzen ( … ), Tangofiguren, Wollüstigkeiten, wildes Geschrei, Flaschen, tollpatschiges Befummeln, lauernde Messerschneider, Qualm. Wenn es keine Rauferei oder Verhaftung gab, spielten die Musikanten ohne Atempause bis zum Morgengrauen.“ Die Kapellen bestanden aus Duos oder Trios, die anfangs aus Flöte, Violine und Gitarre zusammengesetzt waren – tragbare Instrumente, die es den Musikern erlaubten, abwechselnd in dem einen oder anderen Bordell zu spielen, so dass sich die Kundschaft aufgrund des sich daraus ergebenden Repertoirewechsels nicht langweilen musste. Erst später kam das melancholische Bandoneon dazu.

In den Foyers der Bordelle, zur Überbrückung der langen Wartezeit, oder an Straßenecken, wo es ein Orchester zu hören gab, und sogar in den Academias übten Männer auch mit einander die Tangoschritte. Der Stolz, gut tanzen zu können, war charakteristisch für den orillero, den Mann der Vorstadt. Sich als unbegabter Tänzer zu erweisen dürfte für das männliche Prestige genauso nachteilig gewesen sein wie im Kampf mit dem Messer nichts ausrichten zu können. Gut zu tanzen erhöhte darüber hinaus die Chancen, die Auserwählte zu beeindrucken. Die Gepflogenheit, unter Männern den Tango einzuüben, hielt sich in Argentinien bis in die 60er Jahre.

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Wie es Horacio Salas betont, sollte man jedoch aus der Tatsache, dass der Tango im Bordell geboren wurde, nicht auf seinen Charakter schließen, da künstlerische Schöpfung beinahe ausschließlich ein antagonistischer Akt ist – ein Akt der Flucht oder der Rebellion. „Man erschafft sich, was man nicht hat, was in gewissem Sinne das Objekt unserer inneren Unruhe und unserer Hoffnung ist, was uns auf magische Weise erlaubt aus der harten alltäglichen Wirklichkeit zu entkommen. (…) Es war nicht die sexuelle Not die dem Mann in Buenos Aires Sorgen machte. Es war genau das Gegenteil. Die Sehnsucht nach Vereinigung und Liebe, die wehmütige Erinnerung an die Frau – nicht die Gegenwart eines Instrumentes seiner körperlichen Begierde.“ Davon erzählen die vielen Liedtexte der Tangos eindringlich.

Wie es scheint, ist nicht unbedingt die erotische Eroberung, sondern vielmehr das Gefühl der seelischen Einheit die Triebkraft vieler Tänzer. Der berühmte Tänzer der goldenen Ära Juan Carlos Copes spricht von einem Moment „wunderbarer Beklemmung“, der ihm während des Tanzes die Tränen in die Augen trieb. „Wenn mir die Frau mit ihren Bewegungen so gut antwortet, dass wir auf einer großen Tanzfläche, wie eine einzige Person waren, dann fühlte ich mich vollkommen durchdrungen von diesem Gefühl. Du trugst also diesen Tango in dir, diese Musik, von der du besessen warst. Es war wie eine Droge, denn ich fühlte mich in einer anderen Welt. Und in diesem Moment war es mir gleichgültig, ob das Mädchen an meiner Seite hübsch oder hässlich war, ob sie lahmte oder ob ihr ein Arm fehlte oder ein Auge. Mir war alles egal. Es war einfach etwas Erhabenes. Es war ein Ritus.“

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Cortés und Quebradas

Es brauchte einige Jahre, bis der Tango in weiteren Gesellschaftsschichten Verbreitung fand. Die Bordellmusik wurde zunächst in den angrenzenden Wohnquartieren nicht gern gehört, weil man sich dort von dem verrufenen Lebensstil so gut wie möglich abzugrenzen suchte. Auch die berüchtigten Cortes und Quebradas galten als zügellos – noch in den 30er Jahren berichtet Jorge Marques, wegen dieser Figuren mehrfach aus den Tanzsalons herausgeworfen worden zu sein. Heute erstaunt es, dass ein Corte – ein einfacher Schnitt in fliessender Gehschrittfolge – als gewagt galt. Doch brach er offensichtlich mit langen Traditionen und immer voraussehbaren Schrittfolgen. Das Wort Quebrada bedeutet „gebrochen“. In diesem Fall entsteht der „Bruch“ durch die Bewegung des Körpers – der Tänzer „bricht“ die aufgerichtete Position – und beugt sich tief über den Oberkörper der Tänzerin; gleichzeitig behalten beide Kontakt in der Taille, wobei die Frau einen Vorwärtsschritt auf die Mitte des Mannes , (d.h zwischen seine Beine) macht. Die Mädchen lehnten es anfänglich ab, vor den Augen ihrer Eltern auf diese Art zu tanzen. Aber nachdem man die sündhaften Figuren wegliess, wurde der Tango ein unverzichtbarer Begleiter der Sonntagstanznachmittage. In der Oberschicht wurde er hingegen weiterhin abgelehnt und galt als Ausdruck von Verkommenheit und Verarmung.

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Tango erobert Europa

1906 erreichte die argentinische Fregata Sarmiento den Hafen von Marseille, mit der hocheruptiven Ladung von 500 Partituren des populären Tangos La morocha. Erfolgreiche Aufführungen und Plattenaufnahmen hielten den Komponist Antonio Villoldo und seine Begleiter Alfredo Gobbi und Flora Rodriguez viel länger als vorgesehen in Frankreich fest. Tango wurde augenblicklich in die Repertoires von Cabarets wie Moulin Rouge und Folies Bergères aufgenommen – und die Gesellschaftselite verlangte den Tanz des Rio de la Plata zu erlernen. Anziehungspunkt war das sinnliche Zurschaustellen des eigenen Körpers in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Die Welle erreichte bald die anderen europäischen Metropolen. Auf dem Dach des grössten Londoner Kaufhauses Selfridges wurde 1913 der Ball des Jahrhunderts veranstaltet. In drei Ballsälen, dekoriert mit viertausend Lichtern, die an einen orientalischen Garten erinnerten, tanzten die Gäste in östlichen Kostümen den Tango bis in die Morgenstunden.

Im Europa des ersten Weltkriegs kehrten sich die Entstehungsumstände des Tango um: Nun gab es einen Frauenüberschuss. In Berlin erfreuten sich Witwenbälle grosser Beliebtheit. Hier durfte der Tango nicht fehlen, und so manche Herren standen gegen das nötige Kleingeld auch für andere Dienste zur Verfügung. Auch in Paris hatten bezahlte Tanzpartner, apaches oder gigolos genannt, Hochkonjunktur.

Der Tango revolutionierte nicht nur die Sitten, sondern auch die Mode. Jeanne Paquin entwarf hochgeschlitzte Tango-Abendkleider, die auf Designs durch Leon Bakst für Scheherazade beruhten. Der östliche Harem-Hosenrock von Paul Poiret wurde als Ideal für das Tango-Tanzen betrachtet. Turbane mit hochgestellten Federn, die selbst beim „Gesicht zu Gesicht“-Tanzen nicht störten, Tango Schmuck und ein elastischer Miedergürtel von Jeanne Paquin, genannt „Tango“, der beim Tanzen nicht nur die Figur sanft formen, sondern auch für eine „anmutige Haltung“ sorgen sollte, wurden zu unentbehrlichen Modeaccessoires. Die Farben des Tango waren orange-rot, gelb und grün, wie die Farben von Scheherazade. Ein starkes Makeup mit schwarzem Eyeliner, rotem Lippenstift und lange Zigarettenhalter vervollständigten den modischen Auftritt der neuen Epoche. Der Tango förderte das Bild einer sexuell aktiven und unberechenbaren Weiblichkeit – so dass sogar ein neu lancierter godemiché den Namen „Tango“ erhielt. Anders entlang der Rive gauche – in jenen Salons, wo nur Frauen verkehrten. Während des thé dansant wiesen sich Frauen untereinander in die Kunst des Führens und Folgens ein, und nicht selten erlaubte ihnen der Tango, ihr in seiner Unterdrücktheit nur drängender werdendes Verlangen auszuleben.

Nur die argentinische Botschaft in Paris empfand, entgegen der allgemeinen Begeisterung, das Interesse der städtischen Elite an dem, so der Konsul, „Tanz der schlecht beleumdeten Häuser und der Tavernen schlimmster Art“ als höchst peinlich. Man war bemüht, auf andere kulturelle Errungenschaften Argentiniens oder zumindest auf Argentiniens Vorreiterrolle im vornehmen Polosport hinzuweisen – jedoch ohne Erfolg. Bald wurde das Botschaftsgelände zu einem Treffpunkt der Tangobegeisterten. Da die Argentinier die Kultiviertheit der Franzosen seit jeher bewunderten, konnte nun das enfant terrible – der Tango – in etwas gezähmter Form in die Heimat reimportiert werden.

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In den Jahren 1935 bis 1955 erlebte der Tango in Buenos Aires sein Goldenes Zeitalter. Die grössten Tango-Orchester zählten bis zu 100 Musiker, man tanzte an den Nachmittagen und am Wochenende in Quartierclubs und in grossen exklusiven Salons. Die musikalische Qualität der Orchester von D`Arienzo, Carlos Di Sarli, Aníbal Troilo oder Osvaldo Pugliese stand auf sehr hohem Niveau. Die Werke dieser Komponisten und Ensembles bilden auch heute noch die Basis jeder Milonga und werden von den erfahrenen Tänzern mit Spannung erwartet.
Auch der Verhaltenscode der Milonga, insbesondere der „Cabeceo“ – das Auffordern durch Blick und Zunicken – haben sich überall, wo Tango getanzt wird, aus der goldenen Zeit erhalten. Das Bemessen der Länge des Blickes, der genau den treffen soll, mit dem man zu tanzen wünscht, ein leichtes Senken des Kinns, ein kaum wahrnehmbares Augenzwinkern des Mannes und das angedeutete Lächeln der Zustimmung einer Frau – wie ein unsichtbares Telegramm… Dann folgt der Gang zur Tanzfläche, um sich in der Umarmung zu treffen – ein raffiniertes Ritual, ein Hasardspiel, gewagte Balance aus Chancen und Risiken, das ist es, was die Tangueros in die Tanzsalons treibt.

Es ist fast nicht zu glauben, dass die Tangowelle Ende der 60er Jahre in neuen Musiformen „die es den Jungen, die nicht tanzen konntenn, einfacher machten“ ihr Ende nahm. Mit der dunklen Zeit der Militär Junta verlor der Tango dann auch seine staatliche Unterstützung. Erst in den 80er Jahren breitete sich von Paris, wo viele Tangomusiker u.a. Astor Piazolla, sich niederliessen und an der musikalischen Erneuerung des Genres arbeiteten, eine neue Tango Welle aus, die allmählich ganz Europa eroberte.

Heute tanzt man den Tango in Ballsälen, Salons, Klubs, Tanzschulen, stillgelegten Bahnhöfen, Güterschuppen. Die ganze Welt scheint der getanzten Umarmung verfallen zu sein. Man tanzt Tango de salón, Tango orillero, Tango phantasia und seit kurzem auch Tango nuevo. Mit verwegenen Figuren wie damals, als Tango noch ein Sittlichkeitsverbrechen war, auf der Bühne mit spektakulären Sprüngen und Akrobatik, aber auch ruhig und innig vollführen die Tänzer einen Spaziergang, bei dem die Eleganz des Mannes, und die Sinnlichkeit der Frau sichtbar werden.
Ungeachtet aller Stile bestehen im Kern – die Absicht des Mannes und die Hingabe der Frau. Führen bedeutet, die Intention der Bewegung und die Sicherheit zu vermitteln. Sich hingeben heisst, eine Haltung anzunehmen, die die Bereitschaft für Neues einschliesst – ohne Spekulation, ohne Angst – eine Bewegung vorauszuahnen und mit eigener Energie auszuführen. Auch wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ihren Rollen offensichtlich sind, eine Trennlinie existiert nicht – beide setzten in den drei Minuten des Tangos alles ein, was sie haben um „in dem Tanze der Wehmut und des Verderbens den Glanz des Augenblickes“ miteinander zu teilen.

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Zur Autorin:

Als Modefachfrau mit psychologischem Hintergrund setzt sich Beata Sievi in ihrer künstlerischen Tätigkeit mit sinnlichen Kreationen und mit der Modegeschichte auseinander. Seit 14 Jahren führt sie in Winterthur das schweizweit einzige Massatelier für Korsetts und extravagante Abendmode. Beata Sievi tanzt seit mehreren Jahren Tango Argentino und assistiert ihrem Mann, Rolf Schneider, gelegentlich im Tanzunterricht. Im Tango sieht sie eine in die Kultur eingebettete zwischenmenschliche Begegnung, die körperliche und emotionelle Nähe ermöglicht. 

Credits: Photographie: Giorgio von Arb, Kostüme: Beata Sievi, Models: Cindy R. und Tangolehrer Silvio Grand, Hairstyling: Franziska Schaufelberger, Makeup: Kathrin Tollas, Schuhe; http://www.tangoschuhe.ch

Literatur:

Auf der Spur der Umarmung, Benzecry Saba Abrazos 2007
Asi bailaban el Tango, Gabriela Hanna, Metro Verlag Berlin 1933
Bazar der Umarmungen, Sonia Abadi, Abrazos 2010
Der Tango, Horacio Salas, Abrazos 2002
Tango, Diether Reichardt Suhrkamp, 1983
Tango hautnah Dr.Michael Dudley, Felicitas Hübner Verlag2006
Tango, una pasion ilustrada, Gustavo Varela 2010